Der Zeitzeuge Kai Reinecke erzählt im Interview von der Konfrontation zwischen der Polizei und Demonstrierenden im Schanzenpark im Anschluss an die „Stonewall“-Demonstration am 28. Juni 1980.

Also, das Ende der Demo war ja im Schanzenpark, es war feucht und kalt. Wir hatten alle Parka an, weil es feucht und kalt war und damals war Parka ja in, auch in der Schwulenszene, bei solchem Wetter. Und wir wussten nicht, wie wir picknicken sollten auf diesem nassen Gras vom Schanzenpark und wir stand da so irgendwie, ich weiß gar nicht, ob es irgendwas zu essen gab für Picknick. Ich habe keine Ahnung. Das habe ich nie mitgekriegt, das ist dann auch im Regen oder in dem Chaos untergegangen wahrscheinlich, weil es auch nicht gemütlich war. Und viele waren auch schon wieder gegangen. Und dann hatten wohl Leute diesen VW-Bus wieder entdeckt, der stand keine 40 – also ich kann das nicht genau sagen – ich würde mal sagen, keine 40 Meter von dem Platz, wo wir alle rumstanden und [diese Leute] hatten dann Corny angesprochen. Wen sprechen die Leute an: Corny. Ich weiß gar nicht, ob er mit zu den Organisatoren der Demo gehörte, das kann durchaus ja sein. Auf jeden Fall wurde er gefragt, ob er nicht die Filme rausrücken lassen kann. Also mal zu dem Bus gehen, weil der hat ja schon während der Demo immer fotografiert. Dann ist er da hingegangen, also soweit ich das mitgekriegt habe. Das habe ich, glaube ich, am Anfang nur so nebenbei mitgekriegt. Dann haben die im Bus, die beiden Polizisten, die haben dann sofort die Scheiben hochgekurbelt. Weil wegen des Regens wollten sie nicht durch die Tropfen auf den Scheiben fotografieren. Die haben ja weiter fotografiert. Und dann haben sie die Scheiben hochgekurbelt und auf Cornys nette – oder nicht so nette, er ist ja nicht immer nett – Frage, ob er die Filme haben kann, haben sie die Scheiben hochgekurbelt und nicht mehr reagiert und weiter fotografiert.

Und dann sind wir, also ich war bestimmt nicht einer der ersten, ich will mich da ja nicht in den Vordergrund rücken, aber ganz Viele gingen dann hin und ich auch und wir haben den Bus umstellt, wir haben ihnen mit Parkas die Fenster zu gehängt, damit die nicht mehr fotografieren können. Wir haben angefangen den Bus zu schaukeln und dann, das habe ich aber auch erst später mitgekriegt, die haben da drin viel Angst gehabt, weil die nicht wussten, was passiert. Sie konnten ja nichts mehr sehen. Und die linke Außerparlamentarische Opposition - wie hieß sie denn? Nicht APO, die ganz Schlimmen… Die RAF meine ich! Die RAF war ja noch nicht lange her. Und da gab es wahrscheinlich noch im Gedächtnis der Polizei irgendwelche Erinnerungen dran und die wussten nicht: Ist das jetzt so was? Oder was ist da, was passiert da? Und die haben sich nicht mehr getraut, irgendwas zu machen. Und Corny ist während der Zeit in der wir den Bus bearbeitet haben, ist Corny zu einem Vorgesetzten vorgedrungen, die aber alle verschwunden waren. Die Polizisten waren nicht mehr zu sehen, die waren hinter dem Hügel und [Corny] hat mit dem Vorgesetzten verhandelt und kam zurück und, so weit ich das weiß - ich weiß nicht ob man sich auf Corny immer verlassen kann, ist aber auch egal - sagte er, der Vorgesetzte, der Hundertschaftführer - vielleicht waren es auch nur fünfzig Leute, weiß ich nicht - hat versprochen die Filme rauszurücken.

Dann hatten wir inzwischen den Bus so weit bearbeitet, dass er viel flacher war, weil jemand hat die Luft aus den Reifen gelassen, jemand hat die Zündkabel hinten rausgeschraubt und eine Tunte mit Plateau-Schuhen, die waren damals auch so ein bisschen noch in, hat oben auf dem Dach getanzt und ich habe mir, ich bin ja eigentlich ein ganz Braver und nicht so Revoluzzer drauf, ich habe die Scheibenwischer verbogen. *lacht* Ich sag’s mal so, also ob das so ne große Tat gewesen wäre. Na auf jeden Fall kam dann diese Hundertschaft oder 50er Gruppe von Polizei mit Visier runter, Knüppel in der Hand und Schild in der anderen, kam über den Hügel, ging auf den Bus zu. Und was machen Schwule, also mindestens die Meisten: ziehen sich zurück, sind feige, nicht kampfbereit. So passierte es dann auch und fing die Polizei an, den Bus, wie ich ja behaupte fast auf dem längsten Weg, aus dem Park heraus zu schieben. Sie hätten ihn ja eigentlich auch runter, da zu dem ehemaligen Kieler Bahnhof schieben können, der wäre ja gleich unten gewesen. Nein, sie sind also quasi auf dem Weg Richtung Schulterstift, das ist gegenüber von dem Park hinter, also neben Schlump U-Bahnstation rechts, in die Richtung haben sie geschoben. Und kurz vorher gab es einen Weg der raus führte, da fast Richtung Schulterstift und links und rechts von dem Weg sind Büsche und das heißt, da wollten sie durch auf dem Weg. Und da hat jemand gesagt: “Komm, wir setzen uns alle auf den Weg!” Und dann sind einige Leute, zwei Reihen, ich glaube jeweils fünf oder sechs Leute, haben sich dann in zwei Reihen auf den Weg gesetzt. Und ich kam dann dazu und ich dachte immer: Ich setze mich nicht auf den Weg. Es ist nass, es ist kalt und außerdem fühle ich mich wehrlos, wenn ich sitze. Und ich habe mich dahinter gestellt. Und alle Anderen sind dann hinter uns gegangen.

Ja und dann kam die Polizei und die ging halt auch schon in ihrer Aufmachung vor dem Bus um dem Weg frei zu machen. Und das war eigentlich klar, wohin es geht und dann passierte es auch. Chemical Mace kannte ich nicht, aber sie haben halt mich geschubst. Also was sie mit den Leuten, die unten auf dem Weg saßen [gemacht haben], das habe ich dann schon gar nicht mehr mitgekriegt. Sie haben mich in die Büsche geschubst, irgendwie, und haben gleichzeitig mit chemical mace auf uns geschossen. Normalerweise durfte man, glaube ich, nicht aus so einem halben Meter Entfernung das benutzen – sie haben es halt gemacht. Junge, naive Polizisten, die einfach gemacht haben, weil ihnen nichts Besseres einfiel, keine Ahnung! Dann liegt man da in den Büschen - ich habe da auch nicht lange gelegen - und kann nichts mehr sehen, es brennt überall, das ist ja das gleiche, glaube ich, wie Tränengas von der Wirkung. Ich weiß gar nicht, ob es noch eine andere Wirkung hat. Ich weiß auch nicht, ob diese Distanz bei Tränengas eine andere ist, die die Polizei einhalten muss, als bei chemical mace. Ich glaube nach maximal zwei Jahren hat man dann chemical mace nicht mehr benutzt bei der Polizei. Ist egal, ich konnte nix mehr sehen und dann haben mich Leute aus den Büschen gezogen und haben die, die nichts mehr sehen konnten, zu der nächsten Kneipe in dem Sporthaus an der Ecke [gebracht], das ist eine Sportkneipe quasi. Das ist auch nicht Gemeinde-, sondern Vereinshaus, vom Sportbund oder sowas. Und in der Kneipe gab es Zitronen und damit konnte man die Wirkung des chemical mace wieder neutralisieren. Das hat vielleicht eine halbe Stunde gedauert, dann konnte ich auch wieder was sehen und die anderen. Und dann habe ich auch viel mehr nicht mehr mitgekriegt, was dann passierte. Sie haben den Bus, das weiß ich aber noch, den haben sie bis auf die Straße und dann vorschriftsmäßig geparkt. *lacht* Also fahrbereit war er ja nicht.