Intro

Station 1 – Einführung in den Ausstellungsrundgang

Der Observationsraum – Sichtbares

Station 10 – die Überwachung schwuler Orte durch die Hamburger Polizei von 1960 bis 1980

Interview mit Kai Reinecke: Nach der Demonstration im Schanzenpark

Der Zeitzeuge Kai Reinecke erzählt im Interview von der Konfrontation zwischen der Polizei und Demonstrierenden im Schanzenpark im Anschluss an die „Stonewall“-Demonstration am 28. Juni 1980. Also, das Ende der Demo war ja im Schanzenpark, es war feucht und kalt. Wir hatten alle Parka an, weil es feucht und kalt war und damals war Parka ja in, auch in der Schwulenszene, bei solchem Wetter. Und wir wussten nicht, wie wir picknicken sollten auf diesem nassen Gras vom Schanzenpark und wir stand da so irgendwie, ich weiß gar nicht, ob es irgendwas zu essen gab für Picknick. Ich habe keine Ahnung. Das habe ich nie mitgekriegt, das ist dann auch im Regen oder in dem Chaos untergegangen wahrscheinlich, weil es auch nicht gemütlich war. Und viele waren auch schon wieder gegangen. Und dann hatten wohl Leute diesen VW-Bus wieder entdeckt, der stand keine 40 – also ich kann das nicht genau sagen – ich würde mal sagen, keine 40 Meter von dem Platz, wo wir alle rumstanden und [diese Leute] hatten dann Corny angesprochen. Wen sprechen die Leute an: Corny. Ich weiß gar nicht, ob er mit zu den Organisatoren der Demo gehörte, das kann durchaus ja sein. Auf jeden Fall wurde er gefragt, ob er nicht die Filme rausrücken lassen kann. Also mal zu dem Bus gehen, weil der hat ja schon während der Demo immer fotografiert. Dann ist er da hingegangen, also soweit ich das mitgekriegt habe. Das habe ich, glaube ich, am Anfang nur so nebenbei mitgekriegt. Dann haben die im Bus, die beiden Polizisten, die haben dann sofort die Scheiben hochgekurbelt. Weil wegen des Regens wollten sie nicht durch die Tropfen auf den Scheiben fotografieren. Die haben ja weiter fotografiert. Und dann haben sie die Scheiben hochgekurbelt und auf Cornys nette – oder nicht so nette, er ist ja nicht immer nett – Frage, ob er die Filme haben kann, haben sie die Scheiben hochgekurbelt und nicht mehr reagiert und weiter fotografiert. ...

Polizeilockvögel in Quentin Crisps »The Naked Civil Servant« (1968)

Der britische schwule Exzentriker Quentin Crisp schreibt in seinem 1968 erschienenen Buch »The Naked Civil Servant» (im Jahr 1988 auf deutsch als „Crisperanto“ übersetzt) folgendes über den Polizeilockvogel in öffentlichen Toiletten: CW: rassistische Stereotype, I-Wort Das Hauptoperationsgebiet für diese besondere Strategie waren die schwach erleuchteten öffentlichen Toiletten in den weniger dicht besiedelten Gebieten Londons. Während ein Detektiv in normaler Kleidung mit wachsamer Gleichgültigkeit auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf und ab spazierte, stand sein Komplize, von den Vorgesetzten wegen seiner natürlichen und für diese Arbeit geeigneten Ausstattung ausgesucht, dort im Pissoir und ›ließ sehen‹ – er führte seinen Do-it-yourself-Apparat jedem vor, der zufällig hineinkam. (Man kann sich nicht vorstellen, wie ein Ausrüstungsappell, der ja vor jedem Antritt des Dienstes stattfinden müßte, aussehen würde.) Die Falle funktionierte gut, und viele der unglaublichsten Leute wurden auf diese Wiese in ihr Verderben gelockt. In jüngerer Zeit, wo jedermann diese Manöver kennt, sind sie außer Mode gekommen. Die allgemeine Kenntnis beraubt sie ihres Effektes. Sie beleidigen auch den sportlichen Instinkt des britischen Volkes. Man sieht sie als Trick an, wie wenn man ein Diamantenarmband auf den Bürgersteig legt und sich aus dem Hinterhalt auf jeden stürzt, der sich danach bückt. Beinahe ausschließlich traf es Grenzfälle. Diejenigen, deren Vorstellung von einem netten Abend darin bestand, von einem ›Herren‹ zum anderen zu wandern, lernten schnell, einen Bullen schon mit Blindenschrift zu erkennen. Personen, die nie von Homosexualität gehört hatten, aber deren natürliche Neugier von jeglicher Manifestation seltsamen menschlichen Verhaltens erregt wurde, waren durch diese Techniken der Polizei in einer solchen Gefahr. Auch wenn man eine gute Nacht erwischt hatte, führte die eine Frage an den Wachtmeister, was um alles in der Welt er da tue, mit Sicherheit zur Festnahme; war es eine schlechte, genügte ein kurzer Blick in seine Richtung. Das schlimmste Ergebnis des Lockvogelsystems war aber, daß bei einem so abkommandierten Polizisten, der zufällig nichts für Schwule übrig hatte, sich Abneigung schnellstens in wüstesten Haß verwandelte. Umgekehrt entwickelten Homosexuelle, die ursprünglich die Polizei fürchteten, was manche ja für eine gute Sache halten mögen, nun Verachtung für sie. ...

Schaulust in Harun Farockis »Gefängnisbilder«

Im Film Gefängnisbilder von 2001 zeigt Harun Farocki Ausschnitte aus Jean Genets Film “Un Chant d’Amour” (1950), bei denen ein Gefängniswärter eine voyeuristische Schaulust an der Masturbation, “dem Liebesleben”, der Gefangenen entwickelt. Das Gefängnis ist ein Ort der Verbote, und also der Geheimnisse und Übertretungen, zumindest der erhofften und phantasierten. – Harun Farocki, »Gefängnisbilder«, DE 2000, Min. 08:05 Der Filmemacher Farocki stellt den Ausschnitten dokumentarische Bilder aus US-amerikanischen Gefängnissen entgegen, in denen Gefangene versuchen, die durchsichtigen Gittertüren der Zellen mit ihren Matratzen abzudecken, um so etwas wie Privatsphäre herzustellen. Diese Versuche werden regelmäßig gewaltsam mit Reizgas/Tränengas und physischer Gewalt beendet.

William E. Jones »Tearoom«

Der Titel des Filmes „Tearoom” des Filmemachers William E. Jones spielt mit dem Begriff Tearoom - der im slang einen Ort für schnellen Sex bezeichnet. Im Jahr 1962 drehte die Polizei der Stadt Mansfield, Ohio, ein Lehrvideo, in dem sie ihre Art der Verfolgung homosexueller Männer dokumentierte. Die Tür eines Putzraumes der öffentlichen Herrentoilette wurde mit einem Einwegspiegel ausgestattet, sodass ein Beamter mit einer 16mm-Filmkamera von dort aus unerkannt die Männer, die sich dort zum Sex trafen, überwachen und filmen konnte. Das Filmmaterial wurde anschließend vor Gericht als Beweismittel verwendet, wodurch alle angeklagten Männer als schuldig verurteilt wurden und mindestens ein Jahr im Gefängnis verbrachten. An den überlieferten Aufnahmen ist auffällig, dass einige Gesichter aus dem Filmmaterial herausgebrannt und so unkenntlich gemacht wurden. Der Künstler vermutet, dass es sich bei diesen Menschen um Polizeibeamte gehandelt haben könnte, die von ihren Kolleg:innen gedeckt wurden. Im Jahr 2008 veröffentlichte William E. Jones diesen Lehrfilm ungekürzt – als radikales Beispiel dafür, einen Film ‚as found‘ zu nutzen – und macht einerseits damit die Überwachungspraxis der Polizei in den 1960er Jahren sichtbar, zeigt andererseits aber auch die Veränderung und damit auch die Veränderbarkeit des Diskurses in den letzten 50 Jahren auf.